Endstation der Sehnsüchte

Ein deutsches Dorf in Korea - Gartenzwerge im Land des Lächelns

Quelle: Sung-Hyung Cho

Armin, Ludwig und Willi heißen die drei Helden, die aus Liebe zu ihren Frauen noch einmal mutig ein großes - vielleicht ihr letztes - Abenteuer starten. Im besten Rentenalter wollen sie im fernsten Osten, der Heimat ihrer Frauen, den verdienten  Lebensabend verbringen. Sie verstehen zwar kaum ein Wort und die Sitten und Gebräuche der Einheimischen sind gewöhnungsbedürftig, dafür tragen ihre Altersruhesitze im „Deitschen Dorf“ rote Ziegeldächer und zeichnen sich durch makellos weiße Fachwerkwände hinterm Gartenzaun aus.

Doch das  "Deutsche Dorf" wird regelmäßig von hemmungslosen Touristen heimgesucht und zu einem Themenpark umfunktioniert. Dann trampeln Massen kichernder Teenager durch die Geranien - auf der Jagd nach einem Schnappschuss  mit Fachwerk, Gartenzwerg und lebendigem Langnasen-Opa im "Teutonic Park". 

Alles eher harmlos und unsere drei rüstigen deutschen Space Cowboys schlagen sich besser als erwartet. Die Wunden ihrer Frauen sitzen tiefer, Koreanerinnen, die einst als junge Krankenschwestern nach Deutschland gingen. Nach über 30 Jahren sind sie jetzt mit einem Koffer "offener Rechnungen" und voller Sehnsucht in ihre alte Heimat zurückgekommen. Aber sie realisieren erst in Korea, dass sie in Deutschland mehr zurück gelassen haben als ein fremdes Land. Nun vermissen sie Deutschland und merken, dass auch dort für sie Heimat war.

ZDF HEUTE JOURNAL: „mit sehr berührenden, aber auch urkomischen Momenten“, liebevoll und augenzwinkernd – ein sehenswerter, ein wunderbarer Film“


Die Suche nach dem Glück, der Heimat und fröhlich Altwerden

Drei Frauen auf der Suche nach Heimat kehren nach über dreißig Jahren zurück in ein Südkorea, das nicht mehr ihres ist. Sie haben in den Siebzieger Jahren alles zurückgelassen, auch ihre Kinder, um als Gastarbeiterinnen nach Deutschland zu gehen.

Sie haben sich perfekt assimiliert in dem neuen Land und sich doch immer nach dem alten gesehnt. Jetzt haben sie ihren Traum wahr gemacht und ihre deutschen Ehemänner mitgenommen nach Dogil Maeul, das "Deutsche Dorf", das eigens für Leute wie sie errichtet wurde: Yong-Sook, Woo-Za und Chun-Ja sind als gut situierte Rentnerinnen zurückgekehrt und zur Touristenattraktion geworden.

Denn das Dorf in der malerischen Bucht mit den roten Ziegeldächern und den sauberen Vorgärten ist tatsächlich deutscher als deutsch, es gibt sogar Vollkornbrot und Bockwürste. Eine skurrile Kulisse, in der Touristen durch ihre Vorgärten trampeln und die Ehemänner als "Langnasen-Opas" belachen, bis die Polizei eingreift.

Es ist ihre neue, alte Heimat, in die ihnen Willi, Ludwig und Armin mit über sechzig Jahren in der Hoffnung auf einen beschaulichen Lebensabend gefolgt sind. Und doch fehlt den Frauen etwas. Denn "Am Abend, wenn die Sonne untergeht, kommt das Heimweh. Egal, ob du 40, 50 oder 60 bist." Das war in Deutschland so, wo sie die Hälfte ihres Lebens verbracht haben und doch immer fremd blieben. Und das ist jetzt in Südkorea so, wo sie nicht mehr nahtlos an ihre alten Wurzeln anknüpfen können.

Sie tragen traditionelle, koreanische Trachten in Wohnzimmern mit Schrankwänden aus deutscher Eiche. Wenn ihre Ehemänner über mangelnde Ordnung und Disziplin der Koreaner schimpfen, können sie das gut nachvollziehen. Und doch macht es sie glücklich, wenn der Gatte mit Hingabe koreanische Volkstänze erlernt.

Mit diesem kulturellen Spagat ist die Regisseurin Sung-Hyung Cho aus eigener, biografischer Erfahrung vertraut. Ihre humorvolle, einfühlsame Beobachtung der drei Ehepaare spürt mit gemischten Gefühlen der Frage nach, was Heimat eigentlich ist und ob man sie wieder finden kann.

Deutsches Dorf

Im Jahr 2003 entstand auf der koreanischen Insel »Namhae« ein »deutsches« Dorf: eine Siedlung für jene Koreaner, die in den 60er und 70er Jahren als Krankenschwestern und Bergarbeiter nach Deutschland gingen und nach mehr als 30 Jahren in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind. 
Die Heimkehrer, die sich in dem neuen Korea viel fremder als in Deutschland fühlen, bauten eine Siedlung nach deutschem Vorbild, abgeschottet auf einer Insel. 

Die Idee mit dem „deutschen Dorf“ kam von einem Provinzpolitiker, dessen Geschwister einst als Krankenschwestern und Bergarbeiter in Deutschland Arbeit fanden. Die Gastarbeiter, die in Deutschland geblieben sind, wollte er zur Rückkehr bewegen, zugunsten des lokalen Aufschwungs.

Auf  Namhae - wie in den meisten ländlichen Gegenden Südkoreas -schrumpft die Bevölkerung seit Jahren. Die Jungen suchen Arbeit in den Großstädten, die leeren, verfallenden Häuser lassen zuhause traurige Geisterdörfer entstehen. Die Bauern können nicht mehr dem Ansturm von Billigprodukten aus China und den großindustriell hergestellten Agrarerzeugnissen aus den USA standhalten. Der Untergang der Bauern ist der Untergang des Dorfes.

Aber die Folgen der Globalisierung kann man auch positiv  nutzen. So sind die reichen Rentner aus Deutschland willkommene Neubürger. Außerdem kann das exotische „Deutsche Dorf“ den lokalen Tourismus befördern. Das war die Idee von Herrn Kim, dem Kommunalpolitiker.

Nun strömen die Touristenbusse  vom Festland heran,  Neugierige trampeln mit ihren Kameras in den Vorgärten herum und gaffen in die deutschen Wohnzimmer. Die Menschen vom Festland, die sonst nur graue Betonhochhäuser kennen,  bewundern die exotische, deutsche Idylle.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Korea gehörte Anfang der 60er zu den ärmsten Ländern der Welt. Während die Bevölkerung hier verzweifelt nach  Arbeit suchte, fehlten in Deutschland tausende Arbeitskräfte im Pflegebereich und Bergbau.

Der Diktator Park, der durch einen Militärputsch an die Macht kam und keine guten Beziehungen zu den USA hatte, suchte nach finanzieller Hilfe im wirtschaftlich

prosperierenden Deutschland. Er schloss ein Abkommen mit der Bundesrepublik, schickte koreanische Arbeitskräfte und erhielt als Gegenleistung das nötige Darlehen, das Korea zu einer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung verhalf.

Nur diejenigen Koreaner, die ein hartes Aufnahmeverfahren bestanden, durften nach Deutschland. So kamen von 1966 bis 1976 10.000 ausgewählte Krankenschwestern und 8000 Bergarbeiter in die Bundesrepublik.

Viele davon sind in Deutschland geblieben, und einige haben deutsche Ehepartner. Diese bilden die erste Generation der koreanischen Mitbürger in Deutschland.

Sie sind unauffällig, angepasst und scheinbar gut integriert. Einige, die von ihrer alten Heimat nicht loslassen  konnten, sind samt ihren deutschen Ehemännern nach  Korea zurückgekehrt. Aber doch nicht so richtig. Sie  nahmen ihre neue Heimat, ihre deutsche Umgebung mit in die alte Heimat Korea und versuchen dort ihr Leben in einer Art doppelter Heimat weiter zu führen, was ihnen noch nicht gelingt.